Nachhaltig digitalisieren

Bauprozesse nachhaltig Digitalisieren und damit Energie- und Ressourcenverbräuche verringern und so einen Beitrag zum notwendigen Wandel der Gesellschaft beizutragen – davon ist Professor Hannes Schwarzwälder, zuständig für das Lehr- und Forschungsgebiet „Digitalisierung von Bauprozessen“ an der Hochschule Biberach, überzeugt.

Herr Schwarzwälder, welche Herausforderungen wirken auf die Bauwirtschaft der Zukunft?

Die Bauwirtschaft wird Lösungen auf viele Herausforderungen finden müssen. Im ersten Schritt muss sie jedoch die zukünftigen Herausforderungen erkennen und sich nicht auf funktionierende Lösungen der Gegenwart verlassen. Die übergeordnete Aufgabe besteht selbstverständlich in der Verringerung der Auswirkungen des Klimawandels. Wir als Bauwirtschaft tragen durch unsere Emissionen und unseren Ressourcenverbrauch maßgeblich hierzu bei. Die Wiederverwendung von Baustoffen bildet eine weitere Herausforderung. Die Verringerung der Herstellkosten von Gebäuden und Bauwerken um zum Beispiel Wohnen bezahlbar zu machen, eine zukunftsgerechte Effizienz von Planungs- und Bauprozessen, um für Handwerker und Studienabgänger als interessante Branche wahrgenommen zu werden. Und nicht zu Letzt: Eine Digitalisierung, die Antworten auf all diese Fragen findet, anstelle dem digitalen Selbstzweck zu dienen.

Picture Source: Derome

Welchen Einfluss haben die Automatisierung und Digitalisierung auf bezahlbaren Wohnraum?

Maßgeblich auf die Effizienz der Prozesse in Planung und Bau. Dazu nur ein paar Beispiele: Gebäude im vorab digital zu optimieren, spart kostenintensive Lösungen auf der Baustelle; eine Interpretation von Ausschreibungen ist nicht mehr erforderlich, da alle Informationen eineindeutig in einem Informationsmodell enthalten sind. Diese Daten gehen schlussendlich fehlerfrei in eine automatisierte Produktion über und werden Vorort nur noch final montiert. Die Fertigungstiefe wird von der Baustelle ins Werk verlagert. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das ausschließliche Reduzieren der Herstellkosten nicht automatisch zu einer Erhöhung des Angebots für bezahlbaren Wohnraum führt. Hier ist auch die Kreativität der Branche gefragt.

Wie können Schnittstellen im Bauwesen reduziert werden?

Die Schnittstellen liegen zum einen im Informationsbruch zwischen Planung und Ausführung. Zum anderen in Informationsbrüchen zwischen den Beteiligten in den beiden genannten Projektphasen. Die Digitalisierung kann hier selbstverständlich dazu beitragen, einen notwendigen Informationsfluss zu realisieren und im optimalen Fall die entsprechenden Daten zu adressieren. Um die oben genannten Herausforderungen bewältigen zu können, müssen wir in der nächsten Stufe der Digitalisierung diese Daten für die Planungs- und Bauprozesse verwerten können und sie für die Zwecke des Anwenders neu kombinieren. Erst wenn wir die Datenverfügbarkeit und die Kombination der Daten vereinen, können wir von Digitalisierung reden.

Was muss sich beim Bauprozess verändern?

Ich bin davon überzeugt, dass sich die Errichtung von Gebäuden grundlegend verändern wird und muss. Aspekte der Nachhaltigkeit, die Dekarbonisierung der Fertigung (graue Energie) und die Digitalisierung wird bestehende Lösungen des Status Quo in Frage stellen.

Für die digitale Baustelle bedeutet dies eine Menge Veränderungen. Weg vom reagierendem Problemlösen auf der Baustelle hin zum agierenden Herstellen in automatisierten Fertigungen, auf Basis einer mangelfreien Planung, beispielsweise ein digitales Bauwerksmodell. Ich wünsche mir an dieser Stelle etwas mehr Visionen in der Branche. Es wäre doch beispielsweise einmal ein erstrebenswerter Ansatz, die Errichtung eines Bauwerks so zu bewerkstelligen, dass durch Zunahme der Produktivität, eine Verringerung der Wochenarbeitszeit für Handwerker und Bauleitung möglich sind. Auch dies wäre dann eine Antwortmöglichkeit auf die Attraktivität einer Branche und deren Nachwuchs, zu der die Digitalisierung beitragen kann! Nicht nur auf der Baustelle.

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